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Interview mit Johannes Schmalzl, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart

„In der Krise wurden reihenweise Defizite aufgedeckt“

Umsatzeinbrüche, Kurzarbeit, Geschäftsschließungen: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Unternehmen sind weltweit massiv. Wie kommt die Wirtschaft nach dem Shutdown schnell wieder auf Touren? Einschätzungen von Experten aus unterschiedlichen Bereichen von Wirtschaft und Politik in der gemeinsamen Interviewreihe der CONCEPT AG und der Sympra GmbH (GPRA).

Johannes Schmalzl, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart, Foto: imago images/Lichtgut

Herr Schmalzl, die IHK Region Stuttgart war in den vergangenen Wochen gefordert wie selten zuvor. Über die Schreibtische Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gingen und gehen unzählige Anträge auf Unterstützung von in Not geratenen Unternehmen. Wie meistern Sie diese Antragsflut?

Wir als Industrie- und Handelskammern haben in einer sehr frühen Phase im März, als wir ausgehend von den Erfahrungen in China geahnt haben, was auf unsere Unternehmen coronabedingt zukommt, die Landesregierung neben Kreditprogrammen und der Erleichterung beim Kurzarbeitergeld um ein Soforthilfeprogramm gerade für unsere kleineren Unternehmen gebeten. Das wurde aufgegriffen. Zur Umsetzung hat sich dann angeboten, dass die Kammern im Land hier nicht nur beraten, sondern die Plausibilitätsprüfung selbst vornehmen. Das haben wir bis Ostern dann mit unglaublich motivierten und engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern quasi im 24/7-Modus auch gemacht. Unsere klassische Hierarchie haben wir dafür temporär außer Kraft gesetzt. Seit Mitte März arbeiten wir mit drei Krisenstäben. Mehrmals täglich haben wir uns in diesen klaren Strukturen unter den Kammern und mit dem Wirtschaftsministerium in Telefonkonferenzen abgestimmt. Ich bin sehr stolz, dass es uns so gelungen ist, in einer großen Kraftanstrengung zum Teil täglich bis zu 2.000 Unternehmen zu beraten und insgesamt weit über 300.000 Anträge auf Soforthilfe in einem automatisierten Verfahren schnellstens zu bearbeiten. Und das alles aus dem Homeoffice heraus. Die Kammern haben unter Beweis gestellt, dass sie das können, weil sie helfen wollten.

Blicken wir nach vorn. Erste Lockerungen sind gemacht. Was braucht es jetzt, damit die Produktion in den Unternehmen schnell wieder anläuft?

Die Wiedereröffnung des stationären kleineren Einzelhandels war wichtig, damit unsere Unternehmen zuversichtlich sind, diese Herausforderung zu bewältigen. Jetzt brauchen wir auch verlässliche Perspektiven für die anderen Unternehmen, insbesondere in der Gastronomie, damit wir bis zum Sommer nicht eine Insolvenzwelle in diesem Bereich erleben müssen. Mit einer „Öffnungsdiskussionsorgie“ hat das nichts zu tun. Es geht hier schlichtweg um die Existenz und den Beweis, dass Unternehmertum unter strengen Hygieneauflagen möglich sein muss. Ich bin sicher, dass der Gesundheitsschutz auch auf diese Weise gut gewährleistet werden kann. Unsere Unternehmen werden sich hier gut vorbereiten. Stand heute muss nach der Krise zunächst erst einmal alles auf den Prüfstand, was Unternehmertum behindert, Stichworte Bürokratie und Steuerbelastung.Ohne Konjunkturprogramme, die nicht einseitig auf Nischenthemen wie die Elektromobilität verengt werden dürfen, sondern in der Masse wirken, wird es nicht gehen.

Unsere erfolgreichen Unternehmen werden nach dieser Krise schnell wieder Tritt fassen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Welche Unternehmen leiden langfristig, welche schaffen es am schnellsten, die Krise hinter sich zu lassen?

Ich bin überzeugt: Unsere erfolgreichen Unternehmen werden nach dieser Krise schnell wieder Tritt fassen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass gerade in Baden-Württemberg die meisten erfolgreichen Unternehmen vom freien Welthandel abhängig sind. Und da sah es zum Beispiel wegen des Zollstreits und der politisch verordneten Transformation der Automobilindustrie schon vor der Coronakrise düster aus. Deshalb wird die Politik die Notwendigkeit erkennen müssen, in unserer Schlüsselindustrie, der Automobilindustrie mit ihren Zulieferern und dem Maschinenbau, die ungünstigen Rahmenbedingungen zu korrigieren. Das ganze Brexit-Theater wirkt doch im Nachhinein einfach nur lächerlich. Und auch die Flottenvorgaben der EU-Kommission müssen auf den Prüfstand. Die Politik sollte aufhören, die Menschen zu Produkten zu zwingen, von denen diese nicht überzeugt sind. Am schlimmsten wird es aber den gesamten Bereich Tourismus einschließlich der Hotellerie, dem Event- und Kulturbereich treffen. Hier werden viele Unternehmen ohne weitere Unterstützungsmaßnahmen des Staates nicht überleben. Es wird dauern, bis die Menschen ihre Reiselust wiederentdecken.

Mit welchen Dienstleistungen können Sie als IHK die Unternehmen beim Neustart unterstützen?

Die Industrie- und Handelskammern beraten gerade jetzt ihre Unternehmen sehr intensiv, damit sie gut aus der Krise herauskommen. In der Krise wurden reihenweise Defizite aufgedeckt. Viele Händler zum Beispiel müssen jetzt beim Thema Online-Kanal einen Zahn zulegen. Die im Shutdown erlernte digitale Kommunikation wird uns erhalten bleiben. Unternehmen sollten nicht den Fehler begehen, in alte Denkmuster zurückzufallen. Gelernt haben wir aus der Coronakrise, welche verheerenden Folgen es haben kann, wenn der Staat bei den Pflichtaufgaben wie der Gesundheit nicht vorsorgt. Das gilt für die gesamte medizinische Versorgung, die zukünftig mehr von Vorsorge und Worst-case-Szenarien geprägt sein muss. Und insgesamt zeigt sich, dass uns nur Innovation, Forschung und Technik weiterbringen. Es wird auch einer der Schwerpunkte der zukünftigen Kammerarbeit sein, in der Vertretung des gesamtwirtschaftlichen Interesses die Politik hiervon zu überzeugen und Unternehmen zu unterstützen, die gewaltige Summen in die Forschung investieren. Der Streit in der Politik vor der Krise zur steuerlichen Absetzbarkeit von Forschungsaktivitäten wirkt jetzt gerade skurril. Die Politik muss wieder lernen, nicht jeder laut schreienden Interessengruppe hinterherzulaufen und das Geld mit Wünsch-dir-was-Programmen aus dem Fenster zu werfen.


Zwei starke Partner

CONCEPT AG & Sympra GmbH (GPRA)

Weltweit müssen Menschen und Unternehmen mit den direkten Auswirkungen der Corona-Pandemie umgehen. Die mittel- und langfristigen Folgen sind bislang schwierig zu bestimmen. Sie sollten dennoch bereits jetzt mit der Vorbereitung für die Zeit nach der Pandemie beginnen.